{"id":254,"date":"2014-10-07T23:45:52","date_gmt":"2014-10-07T21:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.foodx.at\/blog\/?p=254"},"modified":"2014-11-06T12:07:08","modified_gmt":"2014-11-06T10:07:08","slug":"mit-anderen-augen-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.foodx.at\/blog\/mit-anderen-augen-sehen\/","title":{"rendered":"Mit anderen Augen sehen"},"content":{"rendered":"<p>Ich beeile mich, aus dem B\u00fcro wegzukommen, um m\u00f6glichst fr\u00fch zu den Lager\u00f6ffnungszeiten das Gem\u00fcse unseres Ernteanteils von Familie Mogg zu holen. Das klare Ziel vor Augen, schaffe ich es kurz nach 18:00, mich vom Schreibtisch und den zahllosen liegen gebliebenen Aufgaben loszueisen, zur Stra\u00dfenbahn zu eilen und die drei Stationen zum Reumannplatz zu fahren. Mir wird bewusst, dass dies dienstags nun ein regelm\u00e4\u00dfiger Weg sein wird. Ich freue mich, einen guten Grund zu haben, meine Arbeit so fr\u00fch schon liegen zu lassen und nicht bis in den sp\u00e4ten Abend vor dem Computer zu sitzen. Rasch hole ich noch Geb\u00e4ck vom Str\u00f6ck f\u00fcr&#8217;s Abendessen. Dann gehe ich durch belebte Gassen einige H\u00e4userblocks bis zur Quellenstra\u00dfe \/ Ecke Columbusgasse. Die Hauseingangst\u00fcr l\u00e4sst sich leicht \u00f6ffnen. Der erste Hinweis, dass das Lager besetzt ist. Ich bin erleichtert. H\u00e4tte ja sein k\u00f6nnen, dass alle schon wieder weg sind, ich zu sp\u00e4t bin oder mich \u00fcberhaupt geirrt habe mit den Zeiten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nein, alles gut, ich treffe Astrid, die den Lagerdienst macht und nur mehr auf mich wartet. Alle anderen waren schon da. Und dann stehe ich vor einer Kiste voller Gem\u00fcse. Zwei K\u00f6pfe Zuckerhut schauen heraus. Es duftet. Der Geruch nach Sellerie schiebt sich in den Vordergrund. Ich packe meinen Anteil direkt aus der Musterkiste ein. Rote und gelbe R\u00fcben sind dabei, zwei Maiskolben, 3 Stangen Lauch, 2 St\u00fcck Sellerieknollen. Chris kommt auch noch vorbei, wir plaudern zu dritt, Astrid kehrt Boden und Tisch. Gemeinsam schlie\u00dfen wir das Lager und machen uns auf den Heimweg. Das Schnapperl der Eingangst\u00fcre wird umgelegt, damit sie wieder verschlossen ist, und das Haus so zur\u00fcck gelassen, wie es vor unserer Ankunft war.<\/p>\n<p>Heute habe ich also zum ersten Mal unseren Ernteanteil aus dem Lager geholt. Am Heimweg mit dem Bus und zu Fu\u00df zwischen G\u00e4rten strahlt der fast volle Mond klar, gro\u00df und hellorange. Vollmond &#8211; immer wieder ein untr\u00fcgliches Zeichen, dass die Dinge gut werden, beruhigender Begleiter auf meinen Wegen. Aber auch Zeichen ganz besonderer Momente, wie der heutige einer ist.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen hole ich das frische, intensiv duftende Gem\u00fcse aus dem Beutel und wei\u00df, nun ist alles anders. Ich sp\u00fcre die tiefe Verbindung zu den Menschen, die dieses Gem\u00fcse gezogen, gepflegt, geerntet, verpackt und geliefert haben. Fast kann ich die Erde f\u00fchlen, aus der das Gem\u00fcse kommt. Die F\u00fclle und Vielfalt dieses einen Ernteanteils ist gro\u00df. Ich habe unglaubliche Lust, mir daraus sofort etwas zu essen zu machen und stelle auch gleich Wasser f\u00fcr die Maiskolben auf den Herd. Ich sch\u00e4le die hellgelben Kolben aus ihren Bl\u00e4ttern, hoble gelbe und rote R\u00fcben und mache mir zusammen mit dem Zuckerhut einen Salat mit einer Marinade aus Traubenkern\u00f6l, Himbeeressig, Senf, Salz und &#8222;Gute Laune&#8220;-Gew\u00fcrz. Bin heute alleine zu Hause und genie\u00dfe es in vollen Z\u00fcgen, nur f\u00fcr mich dieses besondere Abendessen zu richten.<\/p>\n<p>Jeden Bissen davon kaue ich ganz bewusst. Ich bin voll da. Nur mit Essen besch\u00e4ftigt und eingeh\u00fcllt von Barockmusik aus dem Radio.<\/p>\n<p>Nahrung ohne Verpackung direkt aus dem eigenen Lager zu holen, wo es in der Nacht zuvor nur f\u00fcr unsere Mitglieder unmittelbar von der Ernte geliefert wurde, stellt die anonyme, hochtechnisierte Warenwelt eines Supermarkts v\u00f6llig auf den Kopf. Nicht lauter einheitliche, halbfertige und Gro\u00dfteils k\u00fcnstlich geschaffene Waren von Unmengen an unn\u00f6tigem Plastik umgeben, sondern Lebensmittel, deren Namen und Verwendungsm\u00f6glichkeiten wir teilweise auch erst wieder entdecken m\u00fcssen. Das ist Genuss pur und direkt.<\/p>\n<p>Es ist ein erhebendes Gef\u00fchl, das die M\u00fchen der Gr\u00fcndung unserer Food X vergessen macht. Jedes bisschen Mehraufwand lohnt sich f\u00fcr diesen unmittelbaren Ertrag zu wissen, woher das Essen kommt, das wir uns einverleiben. Daf\u00fcr schl\u00e4gt mein Herz und bringe ich die Kraft auf, mich zu dieser sp\u00e4ten Stunde doch noch einmal vor den Computer zu setzen. Ja, das ist es, was mich gezogen hat, eine Food Coop mitzugr\u00fcnden: meine unmittelbare, t\u00e4gliche Lebenswelt wieder mit anderen Augen sehen zu lernen, indem ich wertvollen Lebensmitteln den ihnen geb\u00fchrenden Platz einr\u00e4ume.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich beeile mich, aus dem B\u00fcro wegzukommen, um m\u00f6glichst fr\u00fch zu den Lager\u00f6ffnungszeiten das Gem\u00fcse unseres Ernteanteils von Familie Mogg zu holen. 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